Dass Familie des deutschen Bräutigams bei der Hochzeit in Istanbul dabei sein werden würde, das wußten wir ja. Nicht aber wie viele. Und genauso wenig wußten wir vorab, wo wir eigentlich nächtigen würden. Es stellte sich dann heraus, dass wir mit der Familie zusammen im Haus des Brautvaters wohnen würde, wo Nachbarn Zimmer und Betten bereit stellten. Und so trafen sich in einer Wohnung zum Frühstück und sonstigem als: die Mutter (87), der Bruder der Mutter (nicht unwesentlich jünger), Schwester 1 des Brätuigams mit Mann und zwei Söhnen (12, 15), Schwester 2 mit einem Sohn (17), einer Tochter (+20) nebest Freund sowie der Bruder - das war der 'harte' Kern. Je nach dem kamen dann noch zwei bis sechs deutsche Freunde dazu.
Der Abstimmungsaufwand war enorm, denn die Mutter konnte in ihrem Alter ja nicht mehr alles so locker mitmachen, trotz spontan gekauftem Rollstuhl für die weiten Wege, den Jungs stand es eher nach McDoof als landestypisch, wir wollten eher ins Museum als zum x.ten Mal auf den Basar, dazwischen gab es Standesamt und Hochzeitsfeier, Mädels-Abend und Männerabend, auf dem Basar verlorene Jungs, Bierknappheit und Cheesburger-Fress-Attacken, lange Erklärungen zu Katzen, deutsch-englisch-türkisch geführte Unterhaltungen ... und über allem schwebte nichts anderes, als gute Stimmung, Freude und Rührung und was weiß ich.
Ernsthaft, da ist nie jemand richtig ausgetickt, da war kein Egoist darunter, jeder packte da an, wo er meinte, es sei gerade wichtig, alle ertrugen die teils lange Fahrten durch Istanbul und alle waren sich, so altmodisch das auch klingen mag, "wohlgesonnen". Hat richtig, richtig Spaß gemacht und auf lange Strecken konnte ich den hießigen Stress echt vergessen.
Guten Kontakt zu den drei Jungs bekommen, die wohl auch etwas froh waren, dass da einer ist, der sie in ihrem so-sein wahrnimmt, immerhin F. (15) dazu gebracht nachzudenken, dass man Speisen, die man nicht mag (und die Liste, was er mag, ist die wesentlich kürzere), mal doch auch überprüfen könne (OK, Fisch bleibt auf der schmeckt-nicht-Liste, dafür sind Kirschen nun gestrichen), wirklich schön auch mit T. (12), einem wirklich klugem Kerlchen, zu 'philosophieren' und seine Zuneigung ungefiltert abzubekommen. Die letzten 36 Stunden hatten wir ihn quasi durchgehend an der Backe, so dass seine Cousine schon schnippisch fragte, wann wir ihn den adoptieren würden. Den würde ich sofort nehmen, hab' ich geantwortet, da war sie dann doch etwas perplex.
Die Braut natürlich ein Traum in weiß, der Bräutigam dürfte, nach dem wir alle abgeflogen waren, wohl nicht mehr wissen, welches seine Muttersprache ist ... ein chaotischer Mikrokosmos mit Selbstorganisation. Normalerweise stehe ich da nicht wirklich drauf, aber ich hab' mich echt mit ihnen wohl gefühlt.
Nur eins, wird in den nächsten Tagen spontane Aggression auslösen: Wer mich dieser Tage auf Katzen anspricht, dem scheuer ich eine - ich kann es echt nicht mehr hören.