Keine Erinnerung
mehr daran, wer oder was mich auf Wolfgang Herrndorf aufmerksam gemacht hat.
Jedenfalls war sein Jugendroman „Tschick“ ein literarisches Ereignis, eine
Mischung aus coming-age und Road-movie, voller Lebensfreude und -verzweiflung,
voller Naivität und Neugierde. Wer mich noch heute fragt, was ich im empfehlen
kann, „Tschick“ steht nach wie vor an erster Stelle. Was ich erst kurze Zeit
später wusste. Herrndorf war bei Erscheinen des Romans schon unheilbar krank.
Im Februar vor vier Jahren hatte erfahren, dass er an einem Glioblastom erkrankt
war, an einem unheilbaren Gehrintumor. „Sand“ erschien dann kurz darauf.
Vollkommen verstört legte ich es nach der Lektüre zur Seite, weil ich nicht
einordnen konnte, um was für eine Art Roman es sich denn handelte - und war
sehr erleichtert, dass sich die Literaturkritik nach wie vor mit einer
Einschätzung schwer tut, nicht aber mit einer Wertung. Anders als „Tschick“,
aber ähnlich gut. „In Plüschgewittern“ muss ich auch gelesen haben, wenn auch
schon viel früher.
Über eine
Zeitungsnotiz bin ich dann auf sein Blog gestoßen, „Arbeit und Struktur“ und
ihn wohl gut über ein Jahr bis zum Ende im August 2013 tagtäglich verfolgt. Das
hieß anfangs, dass ich eine Menge Einträge nachzulesen hatte, später dann war
es mehr ein tagtägliches Warten, ob es wieder eine Zeile von ihm geben würde
oder ob es, wie dann am 27. August, die Nachricht von seiner Selbsttötung zu
lesen gäbe.
Herrndorf hatte den
Blog zuerst wohl nur für Freunde eingerichtet, später konnte auch die
Öffentlichkeit mit lesen. Noch zu Lebzeiten war wohl mit dem Rowohlt Verlag
Berlin besprochen, dass der Blog als Buch erscheinen würde, seit Herbst 2013
liegt er vor.
„Gestern haben sie
mich eingeliefert“ ist der erste Satz (8.3.2010) was sich eigentlich wie einen
Auftakt einer Krankengeschichte anhört. Ist es aber nicht. Das wirklich
Besondere an diesem Stück Literatur ist nicht nur die schonungslose Offenlegung
der Verletzlichkeit des Menschen, sondern die unbändige Kraft zu hoffen. Nun,
Herrndorf war auch nur ein Mensch, von Verzweiflung, Wut, Tränen, Depressionen
ist immer wieder die Rede - aber eben nicht nur. Trotz alle Endlichkeit vor
Augen, schreibt Herrndorf wie besessen zwei Romane fertig, trotz einiger
körperlichen Einschränkungen geht er nach wie vor Fußball spielen und, sobald
das Wetter OK, ist schwimmen. Er kann sich über kleinste Dinge freuen oder
seinen Zerfall lakonisch kommentieren: „Nacheinander drei Teile vom Backenzahn
ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimmt mit, was du tragen
kannst.“ (27.1.2012)
Dabei wird er nie
larmoyant oder gefühlsduselig, nie selbstmitleidig oder ungerecht, es ist auch
keine schwülstig-suhlende Schilderung eines Niedergangs, die mit pseudotiefschürfenden
Möchte-gern-Weisheiten daher kommt. Da ist einfach nur ein Mensch, der sich,
weil er sich stellen muss, stellt - ehrlich, offen, ungekünstelt.
Ich denke schon seit
längerem nach, warum „Arbeit und Struktur“ so überaus beeindruckend ist, die
letzten drei Argumente scheinen es zu sein. Da setzt sich niemand eine Maske
auf, da reißt sich auch niemand eine Maske herunter, da ist einer, soweit er
natürlich in einer Öffentlichkeit sein will und kann. „… und wenn man wochen-
und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren
Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und
zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse
zu stellen im vollen Bewusstsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu
traumatisieren.“ (19.11.2012)
Man kann das Buch
natürlich auch als ein Plädoyer für einer vernünftige Sterbehilfe lesen,
Psychologen und Mediziner dürften auch mit Interesse da rangehen können, aber
im Kern bleibt es ein zutiefst menschliches Buch eines Menschen, der den Mut
und die Kraft aufbringt, nicht zu tun als ob.
„Ein großer Spaß
dieses Sterben. Nur das Warten nervt.“ (25.3.2013)
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