Montag, 17. Februar 2014

Eine Empfehlung - Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Keine Erinnerung mehr daran, wer oder was mich auf Wolfgang Herrndorf aufmerksam gemacht hat. Jedenfalls war sein Jugendroman „Tschick“ ein literarisches Ereignis, eine Mischung aus coming-age und Road-movie, voller Lebensfreude und -verzweiflung, voller Naivität und Neugierde. Wer mich noch heute fragt, was ich im empfehlen kann, „Tschick“ steht nach wie vor an erster Stelle. Was ich erst kurze Zeit später wusste. Herrndorf war bei Erscheinen des Romans schon unheilbar krank. Im Februar vor vier Jahren hatte erfahren, dass er an einem Glioblastom erkrankt war, an einem unheilbaren Gehrintumor. „Sand“ erschien dann kurz darauf. Vollkommen verstört legte ich es nach der Lektüre zur Seite, weil ich nicht einordnen konnte, um was für eine Art Roman es sich denn handelte - und war sehr erleichtert, dass sich die Literaturkritik nach wie vor mit einer Einschätzung schwer tut, nicht aber mit einer Wertung. Anders als „Tschick“, aber ähnlich gut. „In Plüschgewittern“ muss ich auch gelesen haben, wenn auch schon viel früher.
Über eine Zeitungsnotiz bin ich dann auf sein Blog gestoßen, „Arbeit und Struktur“ und ihn wohl gut über ein Jahr bis zum Ende im August 2013 tagtäglich verfolgt. Das hieß anfangs, dass ich eine Menge Einträge nachzulesen hatte, später dann war es mehr ein tagtägliches Warten, ob es wieder eine Zeile von ihm geben würde oder ob es, wie dann am 27. August, die Nachricht von seiner Selbsttötung zu lesen gäbe.
Herrndorf hatte den Blog zuerst wohl nur für Freunde eingerichtet, später konnte auch die Öffentlichkeit mit lesen. Noch zu Lebzeiten war wohl mit dem Rowohlt Verlag Berlin besprochen, dass der Blog als Buch erscheinen würde, seit Herbst 2013 liegt er vor.
„Gestern haben sie mich eingeliefert“ ist der erste Satz (8.3.2010) was sich eigentlich wie einen Auftakt einer Krankengeschichte anhört. Ist es aber nicht. Das wirklich Besondere an diesem Stück Literatur ist nicht nur die schonungslose Offenlegung der Verletzlichkeit des Menschen, sondern die unbändige Kraft zu hoffen. Nun, Herrndorf war auch nur ein Mensch, von Verzweiflung, Wut, Tränen, Depressionen ist immer wieder die Rede - aber eben nicht nur. Trotz alle Endlichkeit vor Augen, schreibt Herrndorf wie besessen zwei Romane fertig, trotz einiger körperlichen Einschränkungen geht er nach wie vor Fußball spielen und, sobald das Wetter OK, ist schwimmen. Er kann sich über kleinste Dinge freuen oder seinen Zerfall lakonisch kommentieren: „Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimmt mit, was du tragen kannst.“ (27.1.2012)
Dabei wird er nie larmoyant oder gefühlsduselig, nie selbstmitleidig oder ungerecht, es ist auch keine schwülstig-suhlende Schilderung eines Niedergangs, die mit pseudotiefschürfenden Möchte-gern-Weisheiten daher kommt. Da ist einfach nur ein Mensch, der sich, weil er sich stellen muss, stellt - ehrlich, offen, ungekünstelt.
Ich denke schon seit längerem nach, warum „Arbeit und Struktur“ so überaus beeindruckend ist, die letzten drei Argumente scheinen es zu sein. Da setzt sich niemand eine Maske auf, da reißt sich auch niemand eine Maske herunter, da ist einer, soweit er natürlich in einer Öffentlichkeit sein will und kann. „… und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewusstsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisieren.“ (19.11.2012)
Man kann das Buch natürlich auch als ein Plädoyer für einer vernünftige Sterbehilfe lesen, Psychologen und Mediziner dürften auch mit Interesse da rangehen können, aber im Kern bleibt es ein zutiefst menschliches Buch eines Menschen, der den Mut und die Kraft aufbringt, nicht zu tun als ob.
„Ein großer Spaß dieses Sterben. Nur das Warten nervt.“ (25.3.2013)

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