Donnerstag, 9. Januar 2014

c h l s u w

Im epochemachendem (?) Interview von Thomas Hitzelsperger in Die Zeit kann man gleich zu Beginn den Satz von ihm lesen:
Am häufigsten ist aber zurzeit "homosexuell", vor allem mit der genüsslich-denunziatorischen Bewertung "schwul".
Ein O-Ton-Interview hat wirklich so seine Tücken, ohne jede Frage, aber das heißt noch lange nicht, dass man leicht verschwurbelte Sätze, wie sie in der gesprochenen Sprache vorkommen, eben nicht auch glätten kann, der Interviewpartner muss es ja dann auch absegnen. Dass nur mal als Hinweis an Carolin Emcke und Mortiz Müller-Wirth, die das Interview führten und ich mich schon frage, dass das niemand aufgefallen ist.

"Schwul" als ein denunziatorischer Begriff zu bezeichnen ist, und um das geht es mir, eine sehr persönliche Interpretation Hitzelsberger, die ich so gar nicht unterschreiben kann. Eher das Gegenteil.

Ich bezeichne mich nach wie vor lieber als "schwul" als als "homosexuell", was damit zu tun hat, dass "homosexuell" sich rein auf die Sexualität beschränkt. "Schwul" umfasst für mich mehr, denn es beschreibt auch ein Lebenskonzept, dass nicht nur für Toleranz und Verständnis steht, sondern auch für das aufbrechen nach wie vor bestehender konservativer, einengender Lebensformen. "Schwul" bedeutet für mich auch die Auseinandersetzung mit Sexualität und Liebe / Beziehung, bedeutet verantwortliche Selbstentfaltung.
Damit gehöre ich quasi noch zu einem alten Vertreter, der "schwul" weder genüsslich noch denunziatorisch verstanden wissen will und versteht, sondern als ein anzustrebendes Lebenskonzept.

Aber ich bin Germanist genug um zu wissen, dass Begriffe inhaltlich Bedeutungsveränderungen erfahren. In der jetzigen Zeit geht das relativ rasant von statten. Es ist schon etwas her, da meinte der 16-jährige Sohn einer Freundin von mir, "kochen ist schwul". Ich habe das wirklich nicht kapiert und musste nachfragen, wie er dass den meine. Kochen kann zwar schon verführerisch sein, aber das schaffen dann auch die Heten - und das kochen schwul macht, ist mir auch nicht bekannt. Er druckste etwas herum bis er mir erklärte: "Schwul, schwul bedeutet einfach soviel wie langweilig, öde, tröge, altbacken".

Das ist jetzt schon länger her und wenn ich mir ein paar Schwule aus meiner Bekanntschaft so anschaue, dann sind sie genau da wieder angelangt, wo die Schwulenbewegung vor ein paar Jahrzehnten gestartet ist. Am heimischen, gemütlich eingerichteten Küchentisch, mit Einbauküche, Doppelbett, ewiger Treue und Hund im Ein'familien'haus. 

Letzte Bemerkung: Es ist interessant, wie die Auswirkungen der Schwulenbewegung, die ich teilweise unterstützt habe, uns Schwule wieder zurück in den Schoß des Konservatismus treibt. Spätestens mit der Forderung nach der Schwulen-"Ehe" bin ich aus der Bewegung ausgestiegen, denn genau das war die Kehrtwende heim zu 'heimischen Herd', zur geregelten und überwachten 'stabilen' Beziehung, die die erarbeitenden Freiheiten wieder zu Nichte machen. 

Noch ein paar Jahrzehnte, und entweder werden die schwulen wieder in die wertkonservative und vertrocknete Gesellschaft zurückgekehrt sein - oder die Homophobie wird die Oberhand gewinnen und wir müssen wieder in den 'Untergrund'. Keine schöne Aussichten - und im Grunde liegt es an uns Schwulen, dass es möglich ist, ein anderes Lebenskonzept zu leben, ein freieres und dennoch verantwortungsvolles. Aber davor scheuen viele, denn es bedeutete nachdenken und kommunizieren - und das geht vor der x.ten Soap, mit dem Quoten-Homo, eben nur schwer.

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