Samstag, 18. Januar 2014

ARNO SCHMIDT ZUM 100.!

Wenn es einen deutschen Schriftsteller gibt, der völlig zu unrecht vom Publikum, von der Kritik, von den Medien und nicht zuletzt von der Literaturwissenschaft nicht wahrgenommen wird, dann ist es Arno Schmidt! Das liegt wohl daran, dass er klar sagt was er denkt und wohl an der Faulheit der Leser, sich mal mit einem leicht anderen Schriftbild auseinanderzusetzen. 
Die halbe Nazion iss irre; (& die andre Hälfde nicht ganz bei Groschn!)
Tja, so was überfordert die 'intellektuellen' Deutschen natürlich und von so einem "Nestbeschmutzer" will man halt nix lesen, ihn erst gar nicht wahrnehmen.

Dabei gehört Schmidt zum Innovativsten, was die deutsche Literatur im vergangenen Jahrhundert zustande gebracht hat. Das Aufbrechen der Sprache, sein untergründiger Witz, seine extrem gute Beobachtungsgabe des Alltäglichen - all das zusammen mit seinem überbordendem Wissen machen ihn wahrlich zu einem Großen der deutschen Literaturgeschichte. Man muss nicht gleich mit "Zettels Traum" beginnen, zugegeben, das ist schon komplizierte Kost (und mit knapp 300 Euro auch nicht gerade billig), aber es gibt soviel, was er sonst noch geschrieben hat. "Brands Haide" beispielsweise oder - einer meiner Lieblinge - "Aus dem Leben eines Fauns". Dann seine Hörstücke oder seinen schönen Text über Karl May, dem er, recht elegant, dessen Homosexualität aus dem Text klopft. Klug ist das und elegant, befreiend und erweiternd. 
Eine alte Frau, auf ein Fahrrad gestülpt, unsicherte durch Schulkinder. 
Man kann sagen was man will - aber jeder sieht die Szene doch absolut deutlich vor sich. Da fehlt nix, da ist nix zu viel. Oder hier - es ist der Satz, der mich endgültig hat zum Schmidtianer werden lassen:
Kinder kolumbisieren im Rinnstein.
Also los, ab in die nächste Buchhandlung und sich einen Schmidt gegriffen. Er verändert! Und er ist aktueller, als es manchmal einem lieb ist.
Früher als junge Mensch, hab' ich mir wohl auch eingebildet, die Mienen=  und Gebärden=Sprache sei von Liebenden erfunden worden - so <Nachbarskinder>, von <harten Eltern> vorsichtshalber auf Armlänge auseinander gehalten; (obschon mir dunkel schwante, daß die sich nach & nach nachdenkliche Sachen telegrafiert, gewinkt, hinundhergezeigt haben würden; a=part a=part.) Später dacht' ich, es könnten kluge Diebe gewesen sein, nachts, in behelfsmäßig erleuchteten Juwelierläden; oder auch abhörgerätumstellte Politiker, in den Sieben Bergen, ruhend auf Rasengrund, zur Koalition bereit. Heute weiß ich, daß es zwei ältere Männer an der Kreissäge gewesen sein müssen; nach ungefähr 40 Minuten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen