Freitag, 1. November 2013

S-Fehler und Immanuel Kant

Wenn man mich privat fragt, ob ich was vorlesen will, dann wehre ich mich mit Händen und Füßen. Fragt man mich dagegen, ob ich vor fremden Publikum vorlesen will, dann frage ich gar nicht nach dem Text sonder sage gleich ja. Und das obwohl ich weiß, dass mein S-Fehler nun nicht gerade mich prädestiniert, als Vorleser zu fungieren. Aber dann denke ich immer an Siggi Schwientek, einem Schauspiler, den ich am Anfang meiner Theaterkarriere als Puck im "Sommernachtstraum" gesehen hatte. Und der lispelte so richtig. (Ich habe mich natürlich nie gefragt, ob er das nur in seiner Rolle tat oder sonst auch - für mich war (und ist) klar, auch lispelnde Schauspieler kommen an.)

In der Schule habe ich immer recht gerne vorgelesen, selbst dann, wenn es französische Passagen gab, die ich ja so gar nicht konnte - aber das trug dann zur Erheiterung jenes Teils der Klasse bei, die französischen lernen (ich gehörte zu den Lateinern).

Im Studium wurde eigentlich nicht vorgelesen, bis auf ein Philosophieseminar beim hochgeschätzten Wolf-Dietrich Schmied-Kowarzik. Der bat dann anfänglich der Reihe nach die Seminarteilnehmer, doch gewisse Abschnitte aus Kants "Kritik der reinen Vernunft" laut vorzulesen - was gewöhnlich in einer Vorlese-Katastrophe endete, denn bei den Megasätzen von Kant, seinen x Verschachtelungen, verliert man sich äußerst leicht nach der dritten Zeile - und da hat der Satz dann gerade mal erst angehoben. 

Da hab' ich dann echt einen Ehrgeiz entwickelt, aus dem Stand Kant so vorzulesen, dass man dem folgen kann. Spätestens am Ende des ersten Seminars - ich glaube, wir haben drei oder vier Semester für etwa ein Drittel des Werkes gebraucht - fragte Wolf-Dietrich, so durfte ich ihn dann nennen, vorzugsweise mich. Und im dritten Seminar gelang es mir sogar während des Vorlesens einigermaßen zu kapieren, was Kant eigentlich jetzt sagen wollte. Denn wenn man es einmal kapiert hat, dann ist die kantsche Struktur eigentlich gut zu durchschauen. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen